Lange Zeit schien der europäische Kontinent befriedet. Doch spätestens mit dem Ausbruch anhaltender Auseinadersetzungen in der Ukraine, die nun schon mehr als 1500 Tage andauern, hat sich diese Illusion verflüchtigt. Weltweit flammen Spannungen auf, sei es durch unruhige Waffenstillstände im Iran, Bombardements im Libanon oder kriegerische Handlungen im Kongo und Sudan. Oft entsteht der bedrückende Eindruck, bewaffnete Gewalt werde wieder als legitimes politisches Mittel akzeptiert, um eigene Interessen durchzusetzen.
Genau an diesem Punkt setzt die neue Schau "Wir und der Krieg" im Landesmuseum in Zürich an. Zur Eröffnung betonte Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider, dass die vermeintlich klare Trennung zwischen einer friedvollen Alpenrepublik und einer krisengeschüttelten Welt zu kurz greift. Es wird rasch deutlich, dass die helvetische Identität, die Wirtschaft und das hiesige Zusammenleben massiv von äusseren Einflüssen gesteuert werden. Ein neutrales Land bleibt von den Verwerfungen der Moderne nie unberührt.
Wirtschaftliche Profite und soziale Spannungen
Ein ehrlicher Blick in die Vergangenheit offenbart, dass das eidgenössische Selbstverständnis stets im Spannungsfeld zwischen idealisierten Mythen und handfesten Interessen stand. Während der Rütlischwur als Sinnbild der Freiheit gefeiert wird, profitierte das Land wirtschaftlich stark von Kriegen. Das reichte vom historischen Söldnerwesen bis zur modernen Rüstungsindustrie. Auch heute spürt die Volkswirtschaft die Auswirkungen globaler Krisen intensiv. Die Gewinne multinationaler Rohstoffkonzerne mit Sitz in der Schweiz fliessen in staatliche Kassen und stützen so die öffentlichen Finanzen, während gleichzeitig Menschen auf der Flucht Schutz suchen.
Solche Verflechtungen bringen seit jeher soziale Herausforderungen mit sich. Erinnert sei an den Ersten Weltkrieg, der das Land nicht nur an den Rand einer sprachlichen Spaltung brachte, sondern auch im landesweiten Streik von 1918 gipfelte. Schon damals mahnten weitsichtige Kulturschaffende wie Carl Spitteler, den inneren Zusammenhalt nicht zu gefährden.
Eine besondere Belastung für Frauen
Ein bemerkenswerter Aspekt, der in gesellschaftlichen Diskursen oft zu kurz kommt, ist die Rolle der weiblichen Bevölkerung in Krisenzeiten. Kriege treffen Menschen nicht gleichermassen. Frauen leiden häufig unter spezifischen Formen der Gewalt, übernehmen in zerstörten Regionen die Verantwortung für die Familien und sind gleichzeitig unverzichtbar für den Wiederaufbau. Aktuelle Berichte PDF, 4,1 MB zeigen auf, dass hunderte Millionen Frauen in unmittelbarer Nähe von Konfliktherden leben. Ihre Einbindung in diplomatische Lösungen ist daher entscheidend. Historisch gesehen erweisen sich Friedensprozesse als deutlich nachhaltiger, wenn Frauen aktiv daran beteiligt sind.
Eindrückliche Exponate und interaktive Reflexion
Um all diese komplexen Themen greifbar zu machen, präsentiert das Haus eine Vielzahl historischer und zeitgenössischer Zeugnisse:
- Ein kostbarer Wandteppich aus dem 16. Jahrhundert dokumentiert die Flucht eidgenössischer Truppen und kratzt am Mythos der militärischen Unbesiegbarkeit.
- Uniformen und Streikfahnen verdeutlichen die gesellschaftlichen Zerreissproben vergangener Epochen.
Neben den materiellen Artefakten schlägt das Konzept eine Brücke zur Gegenwart. Eine ukrainische Videoinstallation lässt das Publikum die beklemmende Geräuschkulisse von Sirenen nacherleben. Zudem lädt ein digitaler Kompass dazu ein, die persönliche Haltung zur staatlichen Neutralität PDF, 2,1 MB zu hinterfragen.
Wir und der Krieg
Vom 17.04.2026 bis 17.01.2027
Landesmuseum Zürich
Museumstrasse 2
8021 Zürich
Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag 10:00 - 17:00 Uhr, Donnerstag 10:00 - 19:00 Uhr, Montag geschlossen
