Anzeige

«Leuenbergers Klimaziele völlig unzureichend»

Die Schweiz gehört laut WWF bei den Pro-Kopf-Emissionen zum dreckigen Dutzend der Welt.
Der VCS bekräftigt seine Forderung nach einer Treibstoffabgabe.
Donnerstag, 16. August 2007
Bern - Umweltverbände wie der WWF und der VCS erachten die CO2-Reduktionsziele im Klimabericht, den Bundesrat Moritz Leuenberger heute vorgestellt hat, als völlig unzureichend.
Das vorgeschlagene Ziel von lediglich 1,5 Prozent CO2-Reduktion pro Jahr würde in der Schweiz zu einer Erwärmung von fünf bis sechs Grad Celsius führen. Daran ändert auch die vorgeschlagene Lenkungsabgabe nichts. Zudem bliebe die Schweiz weit hinter dem international geforderten Absenkpfad für Industrieländer zurück, schreibt der WWF in einer Medienmitteilung.

Wissenschaftler sind sich weltweit einig: Steigt die globale Durchschnittstemperatur um mehr als zwei Grad Celsius, ist mit dramatischen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt zu rechnen. Umso unverständlicher ist für WWF-Geschäftsleiter Hans-Peter Fricker, dass der zuständige Bundesrat nun ein Reduktionsziel vorschlägt, das bis ins Jahr 2100 weltweit zu rund drei Grad höheren Temperaturen führen würde. In der Schweiz wären es laut Fricker sogar fünf bis sechs Grad, weil die Erwärmung in den Alpen erfahrungsgemäss besonders schnell voranschreitet.

Schweiz auf dem Weg ins Abseits

Mit den vorgeschlagenen Reduktionszielen würde sich die Schweiz aber auch im europäischen Vergleich ins Abseits manövrieren. Die EU und Norwegen haben bereits angekündigt, dass sie ihre CO2-Emissionen bis ins Jahr 2020 um mindestens 30 Prozent reduzieren wollen, sofern andere mittun. Die Schweiz müsste im Minimum mit diesen Ländern gleichziehen und damit weitere zum Mitmachen animieren, fordert Fricker und rechnet vor: Wenn es nach den präsentierten Vorschlägen ginge, würden wir die nötige CO2-Reduktion von 90 Prozent bis zum Jahr 2050 erst im Jahr 2150 erreichen - also mit hundertjähriger Verspätung. Ein wirksamer Klimaschutz wird so auf die nächsten Generationen abgeschoben.

Der WWF fordert deshalb vom Bundesamt für Umwelt, dass es seinen Klimabericht nachbessert und Ziele festlegt, welche die beunruhigenden wissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigen. Denn die Schweiz gehört bei den Pro-Kopf-Emissionen zum dreckigen Dutzend der Welt, hat in Europa die ineffizienteste Fahrzeugflotte, und nur Belgien und Irland stossen noch mehr CO2 für die Beheizung ihrer Wohnungen aus. Dies obwohl sowohl die Emissionsreduktion bei den Fahrzeugen wie auch die energetische Sanierung von Gebäuden für die Schweizer Volkswirtschaft ein lohnendes Geschäft wären.

VCS fordert Senkung von acht Prozent

Auch Der VCS Verkehrs-Club der Schweiz hält den Senkungspfad für Treibhausgase von jährlich 1,5 ab 2012 für völlig unzureichend. Der präsentierte Klimabericht basiert auf einem Szenario eines weltweiten Temperaturanstiegs von 3 Grad Celsius, obwohl die Wissenschaft vor einer Überschreitung von 2 Grad ausdrücklich warnt. Der VCS fordert die sofortige Einführung der CO2-Abgabe auf Treibstoffe. Die zögerliche Haltung verlagern die Probleme in die Zukunft und verschärfen sie.

Der von Bundesrat Leuenberger präsentierte Klimabericht plädiert für eine Senkung der Treibhausgase ab 2012 um jährlich 1,5 Prozent, um gemäss behördlicher Rechnung 2020 eine Reduktion von 21 gegenüber 1990 zu erzielen. Für den VCS ist dies völlig unzureichend. In Tat und Wahrheit ignoriert der Bericht die Klimakonvention, indem ein Szenario gewählt wurde, in dem von einer globalen Erwärmung von 3 Grad gerechnet wird.

Hält man sich an die Konvention mit einer maximalen Erderwärmung von 2 Grad, müsste man wie zum Beispiel Norwegen und Deutschland dies tun von einer Reduktion von 30 bis 2020 rechnen. Dies verlangt auch die vom VCS mitlancierte Klima-Initiative.Aber selbst die Rechnung mit 1,5 jährlicher Senkung ist nur annähernd zielführend, wenn bis 2012 das angestrebte Reduktionsziel von 8 erreicht wird.

Forderung nach Treibstoff-Abgabe bekräftig

Der VCS fordert seit mehreren Jahren eine CO2-Abgabe auf Treibstoffen. Dass der Bund über eine Lenkungsabgabe mit Teilzweckbindung unter anderem für den öffentlichen Verkehr nachdenkt ist erfreulich.

Aber warum bis 2012 zuwarten? Eine Lenkungsabgabe auf Treibstoffen zur Senkung der Treibhausgase ist unerlässlich und muss unverzüglich eingeführt werden. Die Einführung weiter zu verzögern akzentuiert höchstens das Problem, weil heute schon klar ist, dass die im CO2-Gesetz gesteckten Ziele im Sektor Verkehr weit verfehlt werden. Die Emissionen sind gegenüber 1990 um 9 Prozent gestiegen, Ziel war eine Reduktion bis 2010 um 8.

ht/pd