Die vor ein paar Jahren eher zufällige Abspaltung der Grünliberalen von den links der SP politisierenden Grünen habe durch die Klimadiskussion starkes Gewicht erhalten. Die Grünliberalen erschienen genau zum richtigen Zeitpunkt auf dem politischen Markt, sagt Jaeger.
Der Professor für Volkswirtschaft war der erste grüne Politiker der Schweiz, bevor es die Grünen überhaupt gab. Die St. Galler schickten das linksliberale «animal politique» 1971 in den Nationalrat und wählten ihn fünf Mal mit Spitzenresultaten wieder.
Angstfrei
Die Grünliberalen schürten keine Angst vor Bevormundung und staatlichen Interventionen wie die Ökosozialisten, sagt Jaeger. Sie strebten Änderungen in erster Linie mit liberalen Mitteln an.
Dieselben Ziele habe der Landesring vor 30 Jahren und in den 1980er- und 90er-Jahren verfolgt: «Aber wir waren einfach zu früh», sagt Jaeger im Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA. In den 1990er-Jahren standen die Grünen mit ihren rigiden Forderungen im Vordergrund.
Damals führten Wachstumsdefizite, soziale Defizite und die Angst um Arbeitsplätze zur Polarisierung zwischen rechts und links. Jetzt gehe es der Wirtschaft gut, und seit dem UNO-Bericht stehe der Klimawandel im Megatrend: eine völlig andere Situation, so Jaeger
Geschäft Klimaschutz
Da komme eine Partei, die Problemlösungen mit liberalen Ansätzen biete, gerade recht. Sie wolle nicht alle wirtschaftlichen Meriten aufs Spiel setzen, sondern zeigen, dass Klimaschutz auch ein sehr gutes Geschäft sei, wie beispielsweise in Kalifornien. Aktuell hätten die Grünliberalen sehr gute Chancen, eine relevante Position in der Schweizer Politik zu erringen, sagt Jaeger.
Aber es gebe ein Problem: Unter den Parteien herrsche ein unglaublicher Wettbewerb. Wenn die Mitteparteien FDP und CVP die Trendwende spürten, bestehe für den «First Mover» Vorreiter - die Grünliberalen - die Gefahr, auf der Strecke zu bleiben, gibt Jaeger zu bedenken.
Wenn die FDP erkenne, dass Klimastabilisierung ein enormes Geschäft sei, könnte sie mit ihrem Einfluss mehr erreichen als die jungen Grünliberalen. Dann könnte es für die aufstrebende Partei eng werden.
Absahn-Gefahr
Die Wählenden könnten von einer etablierten bürgerlichen Partei dank besserem Organisationsgrad mehr Kompetenz und politischen Einfluss erwarten als vom grünliberalen Original. Bei der SVP bestehe diese Gefahr weit weniger; sie habe strukturelle Probleme, sagt Jaeger. Und die SP werde nicht auf den ökoliberalen Zug aufspringen.
Es sei aber möglich, dass FDP und CVP absahnten und das attraktive Feld in der Klimawandel-Diskussion nicht andern überliessen. Sie könnten sich ganzheitlicher in sozialen und ökologischen Fragen und im Umweltschutz-Geschäft engagieren.
Genau deshalb habe der First Mover Landesring in den 1990er-Jahren nicht reüssiert. Später habe der Zeitgeist dazu geführt, dass das Thema Umweltschutz in die Versenkung geraten sei. Hätte der LdU durchgehalten, wäre er heute wieder eine Partei mit Zukunft - voll im Trend, sagt Jaeger.
Wenn sich die Grünliberalen aber etablierten, sich während der kommenden vier Jahre eine Stammwählerschaft zulegten und sich die Mitteparteien abseits hielten, habe die junge Partei durchaus Chancen, zu einer ernst zu nehmenden politischen Kraft zu werden, prognostiziert Jaeger.
